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Exkursion nach Krakau


10.10.2008 – 16.10.2008

„Wenn der Verlust von Materie und Material zur Rekonstruktion wird.“
oder
„Ist es Aufgabe der Denkmalpflege den natürlichen Vergang zu vertuschen, oder sollten wir diesen auch hinnehmen können?“
Zwei Fragen, über die ich in Krakau viel nachgedacht habe und bei einem Rundgang durch Krakau noch mehr an Bedeutung gewinnen.

Die Exkursion nach Krakau zeigte uns eine Vielzahl von Beispielen der Baukultur aus vergangener Zeit. Nicht nur die ursprüngliche und historische Stadtstruktur, sondern auch viele Gebäude sind in Krakau aus vergangenen Jahrhunderten gut erhalten geblieben. Ein wohl wichtiger Grund dafür ist, dass Krakau im 2. Weltkrieg nicht wie viele andere bedeutende Städte zerstört worden ist.
Die Schönheit der Stadt und das Leben in ihr haben uns in den Tagen der Exkursion alle sehr beeindruckt. Es gibt wohl kaum eine Stadt in Europa, die mit Krakau zu vergleichen ist. Denkt man an das Nachtleben in London oder die Schönheit von Paris, lassen sich gute Vergleiche ziehen.
Jedoch ist auch der Vergang in Krakau gut zu erkennen. Mangels finanzieller Mittel und Möglichkeiten stehen viele Häuser leer und sind dem stetigen Verfall preisgegeben. Auch die kommunistische Führung, die bis 1989 das Land regierte, trug leider nicht zur Schonung der Objekte bei. Leider wurden in dieser Zeit erst recht viele Gebäude regelrecht „verwohnt“.



Durch die Wohnungspolitik in den Jahren zwischen dem zweiten Weltkrieg und dem Wechsel der Regierung wurden viele Gebäude enteignet und übermäßig stark genutzt. Da nicht Viele die Möglichkeit hatten sich dagegen zu wehren und auch nicht die finanziellen Mittel aufgebracht werden konnten, um die Wohngebäude zu sanieren, war der starke Verschleiß und Verfall unausweichlich. Aufgabe der Denkmalpflege ist es eigentlich diese Gebäude zu schützen und zu erhalten. Ich möchte mit diesem Text eine Gegenfrage stellen. Der Vergang ist nicht aufzuhalten, dass bemerkte schon Alois Riegel in seinen Texten zur Denkmalpflege. Nach seiner Theorie ist der Vergang von Substanz natürlich und nicht zu verhindern. Eine Möglichkeit, die es gibt, ist die Substanz zu Schützen und zu Pflegen. Dennoch ist es in seinen Augen unmöglich originale Substanz für ewig zu erhalten. Aber müssen wir das überhaupt? Ist es nicht notwendig, auch die Geschichte vergehen zu lassen, um neuem Platz zu machen?


Nach ausgiebigen Rundgängen durch die Stadt und mit dem Blick auf die Gebäude lässt sich unschwer feststellen wie viel Bausubstanz noch nicht saniert ist. Das Stadtbild in Kraukau wird in vielen Bereichen der Stadt bestimmt, von leicht bis schwer geschädigten Gebäuden. Die Sanierung der Stadt nimmt fortwehrend ihren Lauf. Ob es nun gute und schöne Architektur ist die dort entsteht oder ob nicht, ist fraglich und auch eine Sache des Geschmacks.
Für mich hatte der Besuch des Konzentrationslagers Auschwitz einen ganz besonderen Einfluss bei unserem Aufenthalt in Krakau. Dort stellte sich mir auch die Frage: Was tun, wenn Zeugen der Geschichte und geschichtliche Substanz vergehen? Diese Frage kann man weit auseinander diskutieren. Wie sollte man mit der Substanz umgehen, die nicht mehr zu retten ist. Es gibt viele Möglichkeiten den Besuchern, dass zu erhalten, was sie an Orten, wie Auschwitz, sehen wollen. Doch ist dies immer der richtige Weg?


Ich bin der Meinung, man sollte auch den Vergang der Geschichte mit bedenken und vor Allem auch zeigen. Die Verbindung zwischen Alt und Neu ist nicht immer falsch oder schlecht. Sie könnte als Symbol für die Zeit stehen, die nicht spurlos an Allem vorbeigeht. Eine Zeit, die wir nicht aufhalten können und meiner Meinung nach nicht sollten. Als Beispiel könnte man begrenzende Zäune, die mittlerweile verrosten ersetzen. Nicht durch neue Zäune oder bearbeitete Zäune, die rustikal aussehen, sondern Beispielsweise durch einfache Schnüre, die nur Symbolisieren, dass dort etwas gewesen ist. Ich denke unter anderem, dass man den Stacheldraht, der Bedrohung und Gefahr zeigt, durch einen einfachen Faden, der nur noch den Ort abgrenzen soll, wo sich einst etwas anderes befand, ersetzen könnte, sobald er verrostet ist.


Mit der Zeit würde der Ort sein Aussehen wandeln und von einer bedrohlichen Situation „nur“ noch zu einem Ort des Gedenkens werden, der symbolisiert, dass in der Geschichte zwar nichts vergessen werden kann aber, dass Wunden heilen können. Ich denke, es fällt den Menschen schwer zu vergessen und zu verlieren. Viele brauchen einen Ort an den sie sich festhalten können um nicht noch einmal den gleichen Fehler zu begehen. Doch sollten wir nicht lieber lernen mit der Geschichte umzugehen und das Vergängliche zu akzeptieren um daraus für die Zukunft zu lernen?


In Krakau gibt es viele geschichtstragende Orte, die mit dem Leiden und der Verfolgung der Juden im zweiten Weltkrieg eng verbunden sind. Die beiden Stadtteile Kazimierz und Podgórze haben für die jüdische Bevölkerung eine große Bedeutung. In beiden Stadtteilen ist der Vergang der Bausubstanz nur unschwer zu erkennen. Viele Gebäude sind schon saniert, aber viele Andere noch nicht, wobei das Abplatzen des Putzes und Abbröckeln der Ornamente nicht zu verhindern ist. Doch wie sollten wir mit dieser Bausubstanz umgehen? Alles rekonstruieren? Ich denke wir müssen akzeptieren lernen, dass wir nicht Alles erhalten können. Schon immer war es in der Geschichte so, dass nur etwas die Jahrhunderte überdauert hat was, entweder von sehr guter Substanz war oder von sehr großer Bedeutung. Ich bin der Meinung, wir sollten ab und zu schweren Herzens akzeptieren, dass der Verlust unumgänglich ist. Einer Redewendung zufolge folgt jedem Winter der Frühling und jede Baulücke kann (!?) durch einen Neubau gefüllt werden. Dennoch sollte das Füllen der Lücken mit größter Behutsamkeit geschehen. Ein sehr schlechtes Beispiel dafür ist der geschichtstragende Plac Bohaterów Getta im Stadtteil Podgórze. Dort befand sich der Zentrale Eingang des Gettos, indem die Juden Krakaus auf unmenschliche Art und Weise zusammen gepfercht wurden, bevor sie in eines der Konzentrationslager gebracht wurden.


Obwohl dieser Platz so eine geschichtliche Bedeutung hat, ist dort trotzdem nichts mehr von dieser schweren Zeit zu spüren. Eine Gedenktafel, eine Installation von 70 Stühlen und eine kleine Gedenkstätte sollen an diese Zeit erinnern. Jedoch ist die angrenzende Bebauung so überwiegend, das von dem Ort nicht viel zu spüren ist. An diesem Ort ist die Geschichte vergangen.


Es fällt dem Besucher nicht leicht, sich in die Position hineinzuversetzen, dieses schwere Schicksal des Platzes zu spüren. Menschen fangen an, die Geschichte zu akzeptieren. Sie gewinnen zunehmend Abstand zu den Ereignissen aus vergangener Zeit. Wir sollten nicht krampfhaft versuchen Orte und Plätze oder Häuser und Straßenzüge zu erhalten. Dies ist nicht mehr sinnvoll, wenn die umliegende Bebauung eine Stärke ausstrahlt, bei der ein einziges kleines Haus im Schatten versinkt und nicht mehr wahrgenommen wird. Ich denke, es ist nicht richtig mit aller Macht und allen Mitteln zu versuchen, jedes Stückchen Geschichte aufzuheben und zu schützen. Wenn das Interesse der Menschen an diesen Dingen zurückgeht, sollten wir dies akzeptieren und hinnehmen.


Wieviele Jahre dauert es, bis wir ein Stück Geschichte verarbeitet haben? Auch in Krakau ist der Umgang mit historisch schweren Ereignissen, wie der Verfolgung der jüdischen Bevölkerung im zweiten Weltkrieg, allgegenwärtig. Ein Ort und dessen Bewohner, die sehr nah mit der Geschichte verbunden sind. Die Wunden sind noch nicht geheilt, davon kann kaum die Rede sein. Aber es ist zu merken, dass eine gewisse Akzeptanz entsteht, die zeigt, dass wir anfangen die Vergangenheit zu verstehen. Schon jetzt ist zu merken, dass die Judenverfolgung nicht nur ein historisches Ereignis war, sondern mehr und mehr zu kommerziellen Zwecken genutzt wird. Es entstehen touristische Ziele, die nicht mehr nur Trauer und Gedenkstätte, sondern auch Einnahmequelle und Verkaufsort von Souvenirs und Andenken sind. Damit wären wir wieder bei der Frage, bei der es um die Originalität der Substanz geht. Wenn der Geist den Ort verlassen hat und der Ort zu einem Zentrum des Andenkens, des Zeigens und der Aufklärung wird, können wir dann nicht anders mit ihm und seiner Substanz umgehen?
Wenn sich die Funktion eines Ortes oder einer Stätte wandelt, darf sich dann nicht auch sein Aussehen mitverändern? Architektur ist nichts Starres. Auch als Denkmalpfleger sollten wir nicht zu starr und zu streng mit den Hinterlassenschaften der Geschichte umgehen. Verlust zu akzeptieren, gehört zu unserem Beruf und ist unausweichlich.


Der Blick zurück weist zwar meistens architektonische Schönheiten auf, aber dabei sollten wir nie den Blick nach vorn vergessen!
Wir lernen aus der Geschichte, aber können wir wirklich alles erhalten? Müssen wir nicht manchmal etwas verlieren um Platz für Neues zu schaffen?
Alles ist vergänglich! Nichts bleibt ewig!



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